Sunday, May 5, 2013

Wartezimmer-Intermezzo

Ich war eigentlich immer der Meinung, durch meinen Beruf viel über die Spezie Mensch erfahren und lernen zu können. In den letzten zwei Wochen habe ich ja doch ziemlich viel Zeit in diversen Wartezimmern verbracht und dabei festgestellt, dass die Erkenntnisse über die menschliche Natur sich in diesem Umfeld deutlich vervielfältigen. Allerdings stellen sich auch immer mehr Fragen ...
 
Vorgestern zum Beispiel. Ich kam mit dem Auftrag in die Ambulanz der Klinik, meine Schulter einmal mehr röntgen zu lassen. Zunächst muss man sich in einem Räumchen anmelden, dessen Fenster zum Flur bis etwa Stirnhöhe mit einem Sichtschutz versehen ist und in das man einzeln eintreten muss.
Als ich dort eintraf, hatte sich schon eine kleine Warteschlange von  vier Personen gebildet. Der Herr vor mir strahlte nicht nur immense Ungeduld, sondern auch den Geruch von tagealtem Schweiß aus, was er durch ständiges Gestikulieren eindrucksvoll zur Geltung brachte. Mal abgesehen von seinem i-phone 5 (Chanel Nr 5 wäre mir persönlich in dem Moment sinnvoller erschienen), Basecap und Nerd-Brille schien der junge Mann eher ein Freund von Understatement zu sein, hatte er es doch offensichtlich nicht für nötig gehalten, sich nach der letzten dramatischen Gewichtsabnahme neu einzukleiden.
Noch amüsierte ich mich über die vergeblichen Versuche des Herrn, einen Kontrollblick über die Milchverglasung zu werfen, seine hervorgestoßenen Seufzer und demonstrativen Uhrenkontrollen.
Jetzt könnte man denken, dass wir Stunden vor der Anmeldung warten mussten. Tatsächlich dauerte die Anmeldung etwa eine Minute pro Person. Endlich war der große Augenblick gekommen, und mein ungeduldiger Freund (ich nenne ihn ab jetzt S.) durfte die Anmeldung betreten. Seine Duftwolke nahm er leider nicht mit.
Das sah die junge Dame in der Anmeldung anders, das konnte ich an ihrem Gesicht ablesen, als ich an der Reihe war. Ihr gleichermaßen belustigter und angewiderter Blick ließ mich herausplatzen.
"Gut, dass der Herr jetzt drankam. Sonst hätte er wohl einen Herzinfarkt bekommen."
Dieser Bemerkung folgte ein kurzer, launiger Gedankenaustausch mit der Sprechstundenhilfe über Patienten, die mit starkem Eigengeruch zum Arzt gehen und sich dabei noch irre wichtig vorkommen. Dieser Gedankenaustausch fand in derart fröhlicher Einigkeit statt, dass ich aus Versehen die Frage nach einer bestehenden Schwangerschaft mit "Ja" ankreuzte. Nachdem wir dieses Missverständnis noch geklärt hatten, begab ich mich in den Flur, um geduldig meiner Röntgenaufnahme zu harren.
Ich möchte jetzt kurz klarstellen, dass warten nicht zu meinen liebsten Beschäftigungen gehört. Ich weiß durchaus was Besseres mit mir und meiner Zeit anzufangen. Aber es hilft ja nun nichts. Wat mutt dat mutt.
Leider sehen das nicht alle Leute so. Anstatt sich (wie alle anderen Leute, etwa fünfundzwanzig an der Zahl) in sein Schicksal zu ergeben und sich mit einer Zeitschrift auf den immer noch gut gepolsterten Allerwertesten niederzulassen, lief Herr S. ständig auf und ab wie einst die Rüden vor unserer Haustür, wenn unser Hündin läufig war. Sobald sich eine Tür zu einer Röntgen-Umkleidekabine öffnete, strebte er in diese Richtung und versuchte einen Blick in das Innere zu erhaschen. Ebenso, wenn sich eine Tür auf der anderen Seite des Flurs öffnete, auf der sich die Unteruchungsräume für die ambulante Chirurgie befinden. Letztere hatten Fenster, auch bis etwa Stirnhöhe sichtgeschützt, was Herrn S. abermals nicht hinderte, immer wieder Blicke über den Sichtschutz zu riskieren.
Mein persönlicher kleiner Triumph über Herrn S. sollte kommen. Präsentiert wurde dieser Triumph von einer stämmigen blaubekittelten Dame, die die Tür zu Kabine 5 aufriß und laut meinen Namen rief. Herr S. stoppte mitten in seinem Eselsgalopp und fuhr herum. ER war doch vor der blonden Tussi in der Anmeldung gewesen!!! Prompt steuerte er auf die Dame zu, die aber hinter sich und mir resolut die Tür schloss.
Nach dem Röntgen ging die Warterei von vorne los. Warten auf ein einminütiges Gespräch mit der Ärztin und die Mitnahme der Röntgenaufnahmen. Und warten darauf, dass Herr S. sich entweder hinsetzt oder von seinem Leiden erlöst wird.
Ich  hätte ihm die entsprechende Spritze mit Freuden persönlich gegeben.
Doch es sollte anders kommen.
Nicht nur ich, auch die vielen anderen armen Patienten in dem wohlgefüllten Warteflur versuchten sich auf ihre Zeitschriften (leider rar gesät) und Handys zu konzentrieren. Leider konnte man sich nicht allein durch visuelle Ablenkung vor Herrn S.´s schützen - sein "odeur" verriet einem immer, wenn er in der Nähe war. Ganz zu schweigen von den Stoßseufzern. Seine und unsere Geduld wurde doch sehr auf die Probe gestellt. Endlich, nach einer weiteren Stunde Auf-und-ablaufens, auf-den-Zehen-wippens, stöhnens und auf-die-Uhr-sehens wurde (diesmal VOR mir - bestimmt war er nach meinem Verschwinden im Röntgenraum bei der Klinikleitung) Herr S. zur Ärztin gerufen. Genau genommen Herr DOKTOR S.
Das zog mir die Schuhe aus. Ich hoffe nur, dass der Doktor nur ein akademischer Titel ist und nicht bedeutet, dass dieser schmierige Typ wirklich Menschen (oder Tiere *grusel*) untersucht.
 
Aber dieser Herr Dr. war nur die Krönung aller Wartezimmer-Genüsse. Auch sonst musste ich mich über so einiges wundern. So viele Fragen schossen durch meinen Kopf.
Beispiele?
- Was denkt sich eine Frau, ganz in Lackleder (und ein bisschen gewerblich aussehend) wenn sie
ein iPad auspackt, damit herumspielt und ihrem bärigen Begleiter die "Grazia" zur Unterhaltung reicht?
- Wie fühlen sich Kinder zwischen sechs und zehn, wenn sie ihre Mutter zu Übersetzungszwecken in die nuklearmedizinische Abteilung begleiten müssen, die zu allem Überfluss auch noch pausenlos und geräuschvoll in ihre Burka schluchzt? 
- Warum glauben ach so normale Menschen immer noch, schwerst-mehrfach behinderte Menschen und deren Begleiter schamlos anglotzen und auch noch hörbar abfällige Bemerkungen  von sich geben zu müssen ?
- Wie ticken junge Frauen ohne offensichtliche körperliche Einschränkung, wenn sie stur und bewegungslos dabei zusehen, wie sich direkt neben ihnen ein älterer Herr auf Krücken durch eine schwergängige Tür quält?
- Warum steht in allen blöden Zeitschriften in Wartezimmern so unnützes Zeug wie Mutmaßungen über Maximas Krönungskleid, anstatt die wirklich wichtigen Dinge - wie zum Beispiel, wo ich noch ein paar "far & away" Papiere von Teresa Collins herkriege?
- Was denkt sich eine Klinikleitung, wenn sie dieses entzückende, mehr als zwei Meter hohe Stillleben direkt am Eingang drapiert?
 
 
- Warum merken so viele Leute nicht, dass gestresste Sprechstundenhilfen förmlich aufblühen, wenn man sie mal anlächelt und ein paar freundliche Floskeln schlägt? Und wie einfach das ist ?
- Wie kommt es, dass zwei von drei rauchend vor einer Kliniktür stehenden Leute eine Sauerstoffmaske tragen, die sie für jeden zitternden Zug "lüften" müssen ?
- Warum tragen Frauen mit Beinschiene Highheels ?
- Gibt es im Jahr 2013 wirklich keine Technologie die ein MRT ermöglicht, in dem man nicht das Bedürfnis hat, vor den Maschinengewehren in Deckung zu gehen ?
 
Ich könnte diese Liste noch laaange weiterführen. Glücklicherweise habe ich viele kleine Aufreger und fällige Fragen schon wieder vergessen. Für Unterhaltung ist jedenfalls gesorgt.
 
Wenn nicht im Wartezimmer, dann vom Doktor, der die verkapselte Verkalkung, die auf den Nerv in der Schulter drückt, entweder selbst mit Injektionen sprengen oder mich (falls das  nicht funktioniert) zu ähnlich unterhaltsamen Eingriffen in eine Klinik schicken will.
Und wenn ich mich nicht in Wartezimmern oder bei der Krankengymnasik amüsiere, tippe ich hier rum und arbeite am MMU. Ich bin fast durch. Yeah!
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22 comments:

  1. Hahahahahaha, danke für diesen köstlichen Bericht!!!!!!!
    Jaa, in den letzten Monaten habe ich auch das Warten in diversen Wartezimmern gelernt und es ist tatsächlich manchmal sehr amüsant (aber auch nervig).
    Zum Glück hatte ich nie solche "duften" Mitmenschen dabei. Aer vielleicht sollte man sich zur Sichrheit üerlegen ein Raumspray in die Tasche zu packen.....

    lg petra

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  2. Liebe Iris - du sprichst mir aus der Seele - nach der Warteschlange bei der Post ist so ein Wartezimmer - speziell im KH - eine willkommene Studie am Menschen und du hast das so wunderbar rübergebracht - dass ich einige meiner Mitmenschen wiedererkannt habe - die mich in meinen Zeiten der Warteschleifen im Vorzimmer der Krankenhäuser haben verbringen lassen!
    Danke für diesen erquickenden Bericht - auch wenn ich gerade einen sehr unangenehmen Geruch in der Nase habe! ;-)

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  3. Hallo Iris,
    du bist eine gute Beobachterin..... Ich finde, du solltest Kolumnen für Zeitschriften schreiben. Die Begabung dafür hast du auf jeden Fall!!!
    Viele Grüße
    Heide

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  4. Ja, die Spezies Mensch ist vielfältig, genau wie dein Bericht. Richtig lachen musste ich dann doch in der 2. Hälfte des Satzes vom Krönungskleid. Sehr schön! Es ist doch aber schön, dass du mit so vielen Eindrücken von dem KH-Besuch nach Hause gehst, während andere gar nichts mitnehmen, außer nach unten gezogene Mundwinkel.
    LG von
    Stine

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  5. Ach Iris,
    ich habe jahrelang an so einer Rezeption gearbeitet. Da sind die "schlecht riechenden" noch die angenehmsten - da gibts "bei jedem Wort spuckende", "laustark pupsende", welche die so "leicht bekleidet" daher kommen, das einem die Möpse schon fast auf den Tresen hüpfen usw. Diese Liste kötte ich noch tagelang so weiterführen. Wenn es aber dich dazu verleitet so schöne Berichte zu schreiben - solltest du vielleicht überlegen den Beruf zu wechsel um uns noch öfter mit so "Nettigkeiten" versorgen zu können.
    Ich bin jedenfalls restlos begeistert!!
    LG
    Carola

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  6. Na dann...allen beteiligten eine gute Besserung! Auch gesundheitlich! ;-)
    LG Martina

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  7. Was für ein wunderbarer Post,
    ich konnte alles so richtig gut "nachempfinden". Und solche Fragen stellen sich mir auch immer, wenn ich mal selbst (notgedrungen) länger irgendwo als Beobachterin sitze. Vor allem die Höflichkeit läßt manchmal wirklich sehr zu wünschen übrig. Ich hoffe, es geht dir inzwischen ein wenig besser, ich drücke dir jedenfalls ganz dolle die Daumen-
    viele gesunde Grüße
    Heidi A.

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  8. Sehr schön und unterhaltsam geschrieben. Das Foto von dem Monstrum aus der Klinikvorhalle ist ja fast schon "pornografisch" :-) Von meiner Warte aus - also am Bildschirm meines Computers - sieht das oben in der Mitte aus wie ein gigantischer P.... ;-)
    LG Pia

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  9. herrliche geschichte, bitte mehr aus deinem alltag, absolut authentisch geschrieben ;-)))! was soll bloß dieses stilleben sein? liebe iris, ich hoffe dir kann bald richtig geholfen werden, andererseits, wenn´s mehr so schöne geschichten gibt ;-)... nein, ich hoffe alles wird wieder gut! liebe grüße katrin

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  10. Liebe Iris,
    ich könnte dir ja nun empfehlen, ein gutes Buch mitzunehmen und dich so darin zu vertiefen, dass du gar nicht auf Dr. S und Co. achtest,... aber dann würdest du ja nicht so schöne Postings schreiben. ;-)
    Ich korrigiere auch noch unheimlich gerne in Wartezimmern Mathearbeiten und Bio-Tests. ;-) So werden dann meine Abende nicht so lang.
    Liebe Grüße und alles gute für deine Schulter!
    Steffie

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  11. Nachtrag: Schon komisch, dass mein "Sicherheitscode" dieses Mal "School taotte" lautete... ob die an den Inhalt des Kommentars gekoppelt sind?!?!?
    Eine neue Frage... ;-)

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    1. Ja gell, die Dinger sind manchmal auch komisch. Ob ich da auch mal was drüber schreiben sollte ? *grübel*

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  12. Ich hab mich gerade köstlichst amüsiert, auch wenn der Grund Deiner Berichterstattung ja nicht der schönste ist. Ich hoffe, Deiner Schulter geht es bald besser.

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  13. *gröhl* Da wäre ich ja (fast) gerne mitgekommen. Und ein paar von den Fragen hätte ich dir eventuell sogar gleich vor Ort beantworten können. :)
    Ich bin ja selber immer erstaunt, was für Leute so alles frei rumlaufen. Und Dr. S. hätte man am besten vielleicht sofort in das Hals-Stilleben am Eingang gesperrt.

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    1. Wenn Du da mitgekommen wärst, wäre mir garantiert nicht langweilig gewesen. Außerdem hätten wir bestimmt derart gelästert, dass wir Dr. S. in die Flucht getrieben hätten. Zumindest hätte er sich dann zum Waschen in die Krankenhaustoilette verzogen. *kicher*

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  14. Vielen Dank für diese amüsante Berichterstattung. Man kann sich alles seeeehr bildlich und geruchlich vorstellen und ich weiß jetzt wirklich nicht, ob ich mich auf meinen nächsten Arztbesuch freuen soll....
    LG Steffi

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  15. Liebe Iris,
    ich habe mich köstlich amüsiert über deinen Bericht. Kennen wir nicht alle ähnliche Situationen?
    herzerfrischend geschrieben!
    Ich wünsche dir schnelle Besserung.
    Nina

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  16. Ich habe mich hier geade sehr amüsiert beim Lesen....obwohl eigentlich wenn man es genau nimmt sind viele Dinge die Du hier schilderst eigentlich gaar nicht lustig....
    In jedem Fall gute und schnelle Besserung für Deine Schulter, am Besten ohne irgendwelche seltsamen Eingriffe eines Arztes!!!

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  17. Hallo Iris,
    man könnte fast annehmen, du warst an meiner Arbeitsstelle gewesen. Kommt mir alles sooooo bekannt vor, allerdings sehe ich es von der anderen Seite (bei mir müssen sich die Patienten anmelden). Mal wieder herrlich von dir ge- und beschrieben.
    Schönes Wochenende und gute Besserung für deine Schulter
    LG - Claudia

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  18. Oh man, da hast du ja was mitmachen müssen. Gut, dass du darüber lachen kannst.
    Ist es nicht schlimm wie sich Menschen verhalten können. Ich stelle das immer wieder in der Bahn fest. Da könnte man auch ein Buch drüber schreiben.
    Übrigens hast du die Story sehr schön geschrieben. Danke fürs Teilen :-)

    Yvonne

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  19. Danke für deinen köstlichen Bericht!
    Ich hoffe, deiner Schulter geht es schon wieder besser ...
    LG Yvonne

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