Wednesday, May 15, 2013

Lieblingsfoto: Ein magischer Moment

Dieses Mal sind es eigentlich mehrere Fotos. Das liegt an der Geschichte, die dahintersteht. Um die zu erzählen muss ich etwas ausholen.
Heute habe ich erfahren dass einer der Menschen, die mich am meisten faszinieren, gestorben ist. Ihr Name war Susie Yazzie. 

 
Als ich im Jahr 2000 das erste Mal eine Rundreise durch USA machte, war ich im vierten Monat schwanger. Nach vielen Stationen mit diversen Klimawechseln (42°C in Las Vegas, am übernächsten   Tag 1°C und Schneefall im Bryce Canyon) kamen wir im Monument Valley an.
Nach einer Erkältung (ich sage nur Temperaturschwankungen), der üblichen Schwangerschaftsübelkeit und einer Überfunktion der Schilddrüse war ich nur noch ein Strich in der Landschaft.
 
Das Monument Valley gehört dem Stamm der Navahos. Touristen dürfen ohne Begleitung eines Navaho-Indianers nur eine kurze Strecke hinein und wieder hinausfahren. Um  das atemberaubende Tal wirklich erleben zu können, muss man eine von einem Navaho geführte Tour etnweder per Jeep oder auf dem Pferd buchen. Wir entschieden uns für eine ganz individuelle Fahrt: Nur wir und ein junger Navaho im Jeep.
Es war wunderbar. Im Monument Valley gibt es keine Straßen, sondern nur festgefahrene Spuren in Erde und Sand. Wir sahen uralte Petroglyphs und beeindruckende Felsformationen, von denen viele als Kulisse in alten Hollywood-Filmen gedient haben, und schließlich ein paar kleine Hogans. Das sind die urtümlichen Behausungen der im Valley wohnenden Indianer. Sie sehen aus wie überdimensionale Ameisenhaufen mit Tür.

 
Unser Führer fragte, ob wir Lust hätten, in einen der Hogans zu gehen und einer alten Indianerin beim Teppichweben zuzusehen. Typische Touristenfalle, dachten wir und sahen uns bestätigt, als wir den Hogan betraten und neben der Indianerin am Webstuhl einige vollendete Teppiche zum Verkauf vorfanden.
 
Die alte Indianerfrau kümmerte sich kaum um uns, sondern webte nach einem angedeuteten, würdevollen Nicken weiter an ihrem Teppich. Während wir die Bauweise des Hogans und die Teppiche bewunderten, schaute sie plötzlich auf und sagte etwas Unverständliches zu unserem Führer. Ich war mit meinem Rundgang wieder bei der Weberin angekommen, als sie etwas auf Navaho zu mir sagte und mir die Hand hinstreckte.
 
Als ich die runzlige Hand der alten Frau ergriff, sagte unser Führer, dass dies eine ungewöhnlich große Ehre sei. Susie würde mir für Schwangerchaft und die Geburt unseres Sohnes ihre guten Wünsche mit auf den Weg geben wollen.
 
Wir waren wie vor den Kopf geschlagen. Von sichtbarer Schwangerschaft keine Spur. Wir hatten auch nichts gesagt. Wir wussten auch noch gar nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Und ich glaube ja sowieso nur, was ich sehe.
Dementsprechend fassungslos standen Andreas und ich da, ich die runzlige Hand der Indianerfrau in meiner, Gänsehaut überall und Andreas so baff, dass er für einen kurzen Moment sogar das Fotgrafieren vergaß. 
Susie lächelte müde und sagte noch etwas. Der junge Indianer übersetzte, dass alles gutgehen würde und wir uns keine Sorgen machen müssten.
Dann wandte sich die Indianerin wieder ihrem Teppich zu, als wäre das alles etwas ganz alltägliches. Wir hingegen waren völlig konsterniert, gleichzeitig verzaubert und zum ersten Mal dachte ich, dass es vielleicht doch Wissen jenseits jeder Logik gibt.
 
Auf der Fahrt zurück zum Parkplatz erzählte uns unser Fahrer von Susie. Die alte Indianerfrau, vermutlich im Frühjahr 1914 geboren, hatte als junges Mädchen in mehreren John-Ford-Filmen kleine Statistenrollen gespielt, später als Lehrerin für die Kinder ihres Stammes gearbeitet, damit diese ihre Geschichte nicht vergäßen. Nun würde sie schon seit vielen Jahren Teppiche weben und gelte unter den Navahos als weise Frau.
 
Acht Jahre später waren wir wieder im Monument Valley, diesmal mit Nico. Leider war es nicht mehr selbstverständlich, Susie zu besuchen, zumal wir in einer größeren Gruppe unterwegs waren. Es gelang uns jedoch, den Fahrer zu überreden und zu Susies Hogan zu fahren. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass sich ein Kreis schließt, wenn Nico sie besucht. Auch meine Mutter war dabei.
Im Hogan hingen nur noch wenige Teppiche, aber Susie webte noch immer mit zitternden Händen.



 Als wir 2011 noch einmal das Monument Valley streiften (es liegt auf unseren Routen durch den Südwesten häufig auf dem Weg), hatten wir leider keine Zeit, eine Tour in das Tal zu buchen. Im Visitor Center sagte man uns jedoch, dass es ihr gut ginge, sie die Tage noch immer in ihrem Hogan verbrächte und inzwischen knapp 100 Jahre alt wäre.
 
Heute haben wir erfahren, dass sie am 3. Februar dieses Jahres im Kreis ihrer Familie gestorben ist. Hier ist ein Nachruf auf Arizona Highways., der aus Susies Leben erzählt.



Susie áchʼįʼ hózhǫ́  biiʼ Bóhólníihii.                
Pin It

8 comments:

  1. Wow ich habe überall Gänsehaut und Tränen in den Augen. Was für eine tolle Geschichte.

    ReplyDelete
  2. Vielen Dank für eure Geschichte!!!
    Sehr schön - und fast 100 Jahre ist ein stolzes Alter!

    Liebe Grüße, Biene

    ReplyDelete
  3. Eine wunderbare Geschichte, - ich selbst habe ca. 1 Jahr vor meiner Schwangerschaft von einer Zigeunerin, die um Geld für einen Zirkus gebeten hat, erfahren, das ich schwanger werden und ein Mädchen bekommen würde. Unglaublich sowas, aber es scheint diese Kräfte, dieses Wissen bei einigen Leuten wirklich zu geben. LG Tanja

    ReplyDelete
  4. Sabine / ZartbrittaMay 16, 2013 at 7:32 AM

    Wow, was für eine Geschichte. Ich hab Gänsehaut überall und Tränen in den Augen. Danke dass du sie teilst :-)

    ReplyDelete
  5. danke, dass du diese schöne Geschichte mit uns geteilt hast

    ReplyDelete
  6. Mir geht es wie den anderen: eine wunderbar warmherzige faszinierende Geschichte. Ich hab beim Lesen richtig Gänsehaut bekommen. Danke, dass Du diese schöne Erinnerung mit uns geteilt hast!

    Liebe Grüße
    Juschka

    ReplyDelete
  7. Eine schöne Geschichte. Es sind genau solche Erinnerungen, die etwas ganz besonderes in uns Hinterlassen und uns zeigen, dass doch noch mehr gibt, auch wenn man es nicht immer verstehen kann.

    ReplyDelete
  8. Wie die anderen auch, habe ich Deine tolle Geschichte mit ganz viel Gänsehaut gelesen. Was für ein wahrhaft unvergessliches Ereignis.

    ReplyDelete