Tuesday, December 4, 2012

Von Spinnen, Wespen und leeren Versprechungen

Eigentlich stehe ich der kalten Jahreszeit ja eher kritisch gegenüber. In den ersten Tagen finde ich es ja noch lustig, mich warm einzumummeln und mit Fleecesocken zu Bett zu gehen. Aber irgendwann nervt es doch, sich im Zwiebelstil zu kleiden.
Einen großen Vorteil haben Herbst und Winter natürlich: Die Insektenplage erledigt sich von selbst. Keine Mücken, die mir des Nachts um die Ohren sirren, keine handtellergroßen Heuschrecken, die innen am Fenster sitzen und einen anglotzen und deren Größe es unmöglich macht, sie mit Glas und Pappe nach draußen zu bringen, keine Fliegen und Wespen, die den Genuss einer auf der Terasse eingenommenen Mahlzeit erheblich schmälern und - last but not least - keine der lästigen größen Rennspinnen, die Nachts über meinem Bett sitzen und vermutlich auch gerne zum Kuscheln kommen. Gut, dass ich davon nichts merke.
Kürzlich wurde an anderer Stelle darüber diskutiert, ob die Tötung von Insekten mittels eines Staubsaugers wirklich zuverlässig ist. Laut Herstellerangaben ist das so.
Ich persönlich neige ja eher dazu, alle Sechs- und Achtbeiner, die irrtümlich meine Wohnung bezogen haben, mittels Glas und Papier ins Freie zu befördern. Schließlich können die Ärmsten nichts dafür, dass sie unserem Schönheitsideal nicht entsprechen und noch dazu das Namensschild an der Tür nicht lesen können. 
Heute morgen hat mein Gewissen anders entschieden, und das ist mal wieder der Beweis, dass man seinem Gefühl nicht immer trauen sollte.
Beim morgendlichen Stoßlüften, welches mir die irritierten Blicke des Katers einbrachte (in denen deutlich zu lesen stand, dass ich dringend eingewiesen werden müsste, bis die Temperaturen den Nullpunkt wieder überschreiten) verirrte sich eine einsame und geschwächte, nichtsdestotrotz aber aggressive Wespe in mein Schlafzimmer.
Gerade, als ich mich in Bewegung setzte, um die "Fanggeräte" zu holen, erhaschte ich einen Blick auf das arme Tier. Ihr fehlte ein Bein und einer der  Flügel war geknickt. Das machte mich nachdenklich. Welches Schicksal erwartet eine geschwächte und fast flugunfähige Wespe bei - 2°C im Freien ?
Da ich ja ein glühender Verfechter der Ansicht bin, dass die Möglichkeit der Euthanasie eines der Dinge ist, die  Überlegenheit von Tieren gegenüber den Menschen ausmachen, griff ich zum Staubsauger.
Natürlich hätte ich der Wespe auch mit einem kurzen Schlag mit der Zeitung den Garaus machen können. Aber ich verabscheue rohe Gewalt - vor allem, wenn ich sie sehen kann.
Also saugte ich die Wespe, die inzwischen zwar das Fliegen, nicht jedoch den Kampfgeist aufgegeben hatte und angriffslustig summte, auf. Um sicherzugehen, dass sich die Versprechen der Staubsaugerhersteller auch bewahrheiten, saugte ich dann noch das Wohnzimmer (Erdnussschalenstücke, Tierhaare und Kekskrümel) den Flur (kleine Benjaminiblätter, Erdkrümel und kleinere Steinchen, die aus den Schuhsohlen meines Sprösslings stammen - natürlich muss er IMMER noch mal durch die Wohnung, wenn er die Schuhe bereits anhat) und das Kinderzimmer als solches, das neben dem normalen Staub sicher noch das eine oder andere Legokleinteil hergab.
Mit dem guten Gefühl, eine Entscheidung im Sinne der Wespe getroffen und ihr einen möglichst kurzen Tod ermöglicht zu haben. schaltete ich den Staubsauger aus und räumte ihn weg.
Wenige Minuten später beunruhigte mich die Geräuschkulisse meines Laptops beim Hochfahren. So ein Summen macht der doch sonst nicht, dachte ich - und musste kurz daruf feststellen, dass nicht das Laptop, sondern der Staubsauger für das Summen verantwortlich war. Genau genommen die Wespe im Innern, die offensichtlich noch immer nichts von ihrem Kampfgeist eingebüßt hatte.
Was nun? Sollte ich eventuell noch den Weberknecht aus dem Treppenhaus hinterhersaugen, der in den letzten Wochen trotz Nahrungsmangel an Umfang eher zugenommen hatte, hoffen, dass dieser den Saugvorgang überlebt und dann im Beutel das Gesetz der Natur durchsetzt? Wie sieht dann aber wieder dessen Zukunft aus? Ich kann ja schließlich nicht noch Lucky hinterhersaugen, der gerne mal Spinnen frühsückt, wenn sie sich in seine Reichweite trauen! Staubsaugerbeutel mit einem Fassungsvermögen für acht-Kilo-Kater wurden schließlich noch nicht erfunden.
Als letzte Möglichkeit erschloss sich mir die Katzenstreu. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass ich die halbe Katzentoilette leergesaugt habe - glücklicherweise war der Beutel vorher voll.
Schnell direkt in die Mülltonne entsorgt, eine recht schwere Mülltüte drauf und endlich war Ruhe. Hoffentlich auch für die Wespe, die damit sicherlich in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist.
Ich werde jedenfalls NICHT an der Mülltonne lauschen!
Und einen neuen Staubsauger brauche ich auch. Mit mehr Leistung. Sonst wird mir die Sache mit der Euthanasie doch zu anstrengend ...

 
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17 comments:

  1. Allerbeste Literatur!!! Ich habe mich köstlich amüsiert. Danke für den Spaß.
    LG von
    Stine

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  2. ohhhh Iris!!! Wie selten habe ich Zeit, auf der Durchreise einen Kommentar zu hinterlassen, aber die Lektüre deines Posts hat mich so herrlich amüsiert, dass ich es nicht versäumen möchte, dir dafür zu danken!!! Herrlich!!! Vielen vielen Dank! Liebste Grüsse Sabine

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  3. Herrlich geschrieben! Ich habe mich köstlich amüsiert. LG von Anja

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  4. Herrlich geschrieben! Ich habe mich köstlich amüsiert. LG von Anja

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  5. Göttlich - einfach göttlich ;-) Liebe Grüße an ein mitfühlsame Seele!
    Deine Conny

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  6. Iris, Du hast Deinen Beruf verfehlt - Du solltest Kurzgeschichten schreiben! Köstlich... ich bin auf Deiner Seite...

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    1. Neee, damit verdient man ja noch weniger Geld als als Erzieherin ... *g*

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  7. wieder mal ein wunderbarer Beitrag, da auf meiner Seite für ein Lächeln gesorgt hat, auch wenn ich die arme Wespe sehr bedauere. Ich bin übrignes ganz deiner Meinung, was die Euthanasie der Tiere angeht, da sind sie uns gegenüber im Vorteil.
    Vielleicht solltest du doch nochmal an der Mülltonne lauschen ....?

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    1. Ich schätze mal, dass spätestens die Kälte inzwischen ihr Übriges getan hat. ☺

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  8. Mwahaha, ich schmeiß mich weg!!! Vor allem die Vorstellung, wie du noch alles Mögliche HINTERHERsaugst, macht mich völlig fertig.
    Ich habe übrigens noch nie geglaubt, das aufgesaugte Tiere im Beutel spontan versterben. Warum sollten sie? Vor allem Spinnen! Die gehen doch nicht von dem Staub tot, die LEBEN im Staub! Die finden es im Beutel vermutlich sogar toller als draußen!
    Ich haue ja alles zu Brei, was ich im Haus antreffe und nicht eingeladen habe. Sicher ist sicher.

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    1. Ich bin ja davon ausgegangen, dass die Steinchen etc. quasi als Schrotflinte wirken! Aber egal. Das arme Viech ist garantiert futsch.
      Zu Brei hauen find ich eklig. Irgendwie tun mir die armen Dinger auch leid. Stell Dir mal vor, Du verirrst Dich irgendwo und die ersten, denen Du begegnest, hauen Dich platt?! Das wär doch gar nicht nett! *g*

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    2. Nur eine tote Spinne ist eine gute Spinne. So. Mir tut ja gelegentlich auch so dieses und jenes leid, aber bei Spinnen hört der Spaß ja nun wirklich auf.

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  9. Ich hab grad mit Mühe meinen Kaffee nicht in die Tastatur gespuckt....Danke für diesen herrlichen Moment! Und ich stehe auf Deiner Seite! Ich sauge auch aus Prinzip alles ein, was mehr als zwei Beine hat.. naja, außer den Hund natürlich.

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  10. Schreibst Du eigentlich auch Romane? Oder wenigstens Tagebuch? Es ist auf jeden Fall lesenswert und aufhebenswert für die Nachwelt. Danke. LG Sigrun

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  11. Wirklich sehr amüsant, wie du so mühevoll Euthanasie betreibst. :-)))
    Wobei - davon sprach heute der Tierarzthelfer in Bezug auf mein Meerschweinchen. Fand ich in dem Zusammenhang gar nicht lustig. :-(

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    1. Ja, bei liebgewonnenen Tieren ist Euthanasie zwar oft der letzte Ausweg, aber lustig nun überhaupt nicht. :-(
      Ich hoffe, der Kelch ist an Euch vorübergegangen!

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