Saturday, September 8, 2012

DB oder Warum Kinder IMMER ein Handy brauchen.

Normalerweise finde ich es immer ein bisschen übertrieben, dass der Sohn des Hauses dasselbe kaum ohne technisches Equipment, insbesondere sein Handy, verlassen will. Ob zum Schreibwarenladen (ca. 200m) oder zum Glascontainer (150m) - das Handy muss immer mit. Wer weiß, welche Notlagen lauern, die einen Notruf Richtung Heimat notwendig machen ! Oder vielleicht fehlt zum Klang der in den Container scheppernden Gläser ja noch der beste Song von Green Day ! Ergo: Das Handy, Verzeihung, Smartphone muss immer mit.
Dementsprechend positiv überrascht war ich heute, als sämtliche elektronischen Geräte liegen blieben, obwohl wir sogar die Ortsgemarkung überschreiten wollten!
Genau genommen wollten wir zu meiner Mama fahren, dort Mittag essen und anschließend meine Godel und meinen Petter (auf Deutsch meine Pateneltern) zum Bahnhof fahren, um sie in den Zug Richtung Kassel zu setzen. Wozu sollte man bei dieser doch sehr überschaubaren Aktion zwei Handys benötigen ? Meins ist ja immer in der Tasche ... *räusper*
Alles lief super. Das Mittagessen schmeckte (meine Mama kann halt kochen - wie sie einen kulinarischen Tiefflieger wie mich auf die Welt bringen konnte, wird mir stets ein Rätsel bleiben), wir kamen superpünktlich am Bahnhof an und warteten im schönsten Sonneschein auf den Zug. Sogar der war (entgegen meinen bisherigen Erfahrungen) mehr als pünktlich - sogar drei Minuten zu früh !
Das kam mir sehr zupass, wollte ich doch Godel und Petter nicht ihren schweren Koffer (sie fanden ihn schwer - naja, die kennen mein Scrapgepäck nicht *g*) in der zweistöckigen Bahn herumschleppen lassen. Also schob ich mich mit dem Koffer in die Bahn und beschied den protestierenden Nico ("Ich wollte mich schon immer mal in einem Doppeldeckerzug umsehen !!!") auf dem Bahnsteig zu warten.
Da stellt sich mir die Frage, warum Kinder NIE hören - nur wenn es sich später als fatal erweist. Also blieb mein Sprössling auf dem Bahnsteig stehen, derweil ich meine Godel zu ihrem Platz begleitete. den Koffer abstellte, beide kurz zum Abschied umarmte (also, Petter und Godel, nicht Koffer und Godel) und die Treppe herunter zur Tür eilte.
Ungeachtet der Tatsache, dass diese Aktion definitiv noch nicht mal eine Minute gedauert hatte, ging plötzlich die Tür direkt vor meiner Nase zu. Auf der anderen Seite stand Nico - ohne Handy, ohne Geld ohne irgendeine Möglichkeit, nach Hause zu kommen oder mich oder sonst jemanden zu kontaktieren.
Der Zug setzte sich augenblicklich in Bewegung. Ich, nicht faul, drückte den Notfallknopf, was einen durchdringenden Pfeifton verursachte. Kurz darauf bremste auch der Zug, aber die Tür ging immer noch nicht auf, obwohl ich auf den entsprechenden Knopf drückte, genau wie Nico von außen, der die  zurückgelegte Strecke mitgelaufen war.
Und jetzt kam der Moment, in dem ich zutiefst bereute, Nico immer einzureden, dass er das Handy nicht grundsätzlich am Körper tragen muss. Wie einfach wäre es gewesen, ihn kurz anzurufen und mitzuteilen, dass er sich auf die nächste Bank setzen und mit seinem Vater telefonieren soll ?! Er wäre beruhigt gewesen, ich wäre beruhigt gewesen, wir hätten Verbindung gehabt. Aber nein, das Kind hört ja ! Vor allem wenn ... aber das sagte ich schon. 
Ein junger Mann beruhigte mich: Gleich müsse ein Schaffner kommen, um zu sehen, warum der Notfallknopf gedrückt worden wäre. Nichtsdestotrotz bemühte ich mich weiter darum, die Tür zu öffnen und Nico vom Zug wegzugestikulieren. Obwohl beides nicht von Erfolg gekrönt war, hätte sich zumindest letzteres als vorteilhaft erwiesen, denn nach etwa einer Minute ging der Pfeifton aus und der Zug setzte sich wiederum in Bewegung.
Inzwischen hatte sich auch mein Petter bei mir eingefunden und drückte beherzt noch einmal den Notfallknopf. Im selben Moment fiel mir ein kleiner, unscheinbarer, in die Wand eingebauter Hebel etwa einen halben Meter neben der Tür auf - zwischen Notfallknopf, Feuerlöscher und anderem Gerät. Und obwohl sich in einigen Situationen der letzten Jahre ein Feuerlöscher als sehr hilfreich erwiesen hätte, war er in dieser Lage völlig unnötig. Der kleine Hebel jedoch lachte mich an. Also zog ich daran und tatsächlich öffnete sich die Tür  einen fünf Zentimeter breiten Spalt, obwohl der Zug noch nicht mal ganz stehengeblieben war.
Egal - der junge Mann, der mir zuvor Geduld gepredigt und das Erscheinen eines hilfreichen Bahnangestellten prophezeit hatte, packte die eine Seite der Tür, ich die andere und mit vereinten Kräften bekamen wir die Tür auf. Mit einem für meine Verhältnisse sehr sportlichen Hechtsprung rettete ich mich auf den Bahnsteig. Wäre der Zug nur ein paar Meter weiter gefahren, wäre kein Bahnsteig zum Darufspringen mehr da gewesen.
Meine ungewohnte Sportlichkeit erwies sich als glücklich, denn der Zug ´nahm die Fahrt sofort wieder auf.
DAS fand ich sehr interessant. Ein innerhalb kürzester Zeit zwei Mal ausgelöster Alarm und ein  gleichzeitig quasi an der Tür trommelnder Halbwüchsiger war für die Verantwortlichen kein Grund, den Zug länger  halten zu lassen und evtl. mal nachzuprüfen, was denn da los sein könnte.
 
Mal ganz ehrlich - unser Problem war noch nicht mal ein wirkliches Drama. Nico wäre vermutlich verzweifelt auf dem Bahnsteig zurückgeblieben, intelligent genug, sich nicht von der Stelle zu rühren. Ich hätte Andreas angerufen und der hätte Nico nach etwa zwanzig Minuten abgeholt. Ich wäre dann beim nächsten Halt ausgestiegen (vermutlich Marburg nach einer halben Stunde Fahrt, auf der ich garantiert kontrolliert und als Schwarzfahrer gebrandmarkt worden wäre) und in den nächsten Zug retour gestiegen.
Aber mal angenommen, jemand hätte einen wirklichen, lebensbedrohlichen Notfall gehabt ? Ich will gar nicht dran denken!

Auch interessant war, dass der Zug trotz dieser Verzögerungen mehr als pünktlich aus dem Bahnhof fuhr. Naja, wenn die Bahn einmal pünktlich unterwegs ist, wird das um keinen Preis aufs Spiel gesetzt! Die Statistik braucht solche Zugführer.
 
Ich persönlich stelle mir nun die Frage, ob ich mich einfach  nur in meiner Abneigung gegen öffentliche Verkehrsmittel bestärkt fühlen oder  das Haus grundsätzlich nicht mehr verlassen soll. Aber wie mir mein Embossingfön  eindrucksvoll bewiesen hat, ist man ja noch nicht mal in den eignenen vier Wänden sicher.  ;-)
Pin It

6 comments:

  1. Wow, was für eine Geschichte. Das ist ja der Hammer. Mann, bin ich froh, dass ich nicht regelmäßig auf die Bahn angewiesen bin. Das wäre ja tatsächlich auch ein Bericht für eure Lokalzeitung. Ein schöner Verriss für die Bahn.
    LG von
    Stine

    ReplyDelete
  2. Ohman die liebe Bahn.... Nico hätte aber bestimmt gewartet .
    Das ist echt der Hammer . Michael fährt ja Zeit 15 Jahre Bahn :-)da wundert mich nichts mehr.
    Gruß Dagmar

    ReplyDelete
  3. Oh, das ist eine typische Geschichte, wie sie sich in Berlin quasi täglich in der S.-Bahn abspielt. Der Zugabfertiger ruft nämlich noch "zurückbleiben bitte" wenn ca. 2000 Menschen gleichzeitig auf den Bahnsteig quillen und ca. 300 neu einsteigen wollen. Ich rege mich jeden Tag darüber auf, bin schon 2mal eingequetscht worden, Kinderwagen auch vor längerer Zeit allerdings, und ich sehe es fast täglich, das Rucksäcke und anderes Gepäck eingeklemmt wird. Und neulich ist ein junger Mann sein Bein los geworden, weil er zwischen Tür und Bahnsteig festhing.... Ich bin froh, das bei Euch alles gut ging.

    ReplyDelete
  4. Da habt ihr aber ganz schön was erlebt. Bin ich froh, dass ich nicht mehr Bahn fahren muss. Aber da sieht man mal, dass es doch irgendwie immer gut ist, ein Handy dabei zu haben, auch wenns nur ein paar Meter sind.

    ReplyDelete
  5. Ach Iris! Was für eine gigantische Geschichte. Das Leben schreibt einfach die besten Abenteuer. Wunderschön ge- und beschrieben. vor allem der "kulinarische Tiefflieger" hat es mir angetan und mir ein breites Grinsen auf die Wangen gezaubert.
    Ganz liebe Grüße
    Pia

    ReplyDelete
  6. Ich weiß ja, warum ich die Bahn nicht mag.... Danke für diese Bestätigung. ;-)
    Ui ui ui, du erlebst echt Sachen. Zum Glück ist dann doch alles gut gegangen.
    Liebe Grüße,
    Steffie

    ReplyDelete