Saturday, April 2, 2011

Philantropie

Seit Tagen beobachten die Nachbarn von Frau W., wie sich die Postbotin (nicht mehr die Jüngste) mit ihrem gelben Wägelchen die Straße herabmüht, diesen vor dem Haus von Frau W. mühsam zum stehen bringt (das Gefälle macht ihn immer schneller), dabei mit den Hacken energisch abbremst und dann jeden Tag neun oder zehn oder dreizehn meist großformatige Umschläge im Briefkasten unterzubringen versucht. Anschließend wandelt sie befreit die Straße hinunter, Erleichterung auf dem von Erschöpfung und Schweißperlen gezeichneten Gesicht.
Nur Frau W. sieht das nicht. Die traut sich kaum aus dem Haus, wenn die Postbotin naht, denn sie hat aus dem rückwärtigen Fenster beoachtet, wie sich die bedauernswerte Postbotin sich mit ihrem Wägelchen die Parallelstraße HOCHgeschuftet hat und sich schon überlegt, ob das ganze mit einem Päckchen "Die Besten" wieder gut zu machen ist.
In den ersten Tagen hat das Prozedere noch nicht viel Aufmerksamkeit erregt. Familie W. bekommt weiß Gott viel Post und auch der Paketwagen hält in schönster, nicht zu seltener Reglmäßigkeit vor dem Haus und liefert Päckchen ab, die immer mit Begeisterung entgegen genommen werden.
Doch nach dem dritten Tag in Folge, an dem die Postbotin dem Zusammenbruch nahe in ihrer Dienststelle anlangt, beginnt das Raunen hochzuschießen wie Efeu im Mai.
Die Nachbarinnen, Frau l.. und Frau G. , die ja schon allerhand Merkwürdigkeiten von Frau W. gewöhnt sind, zerbrechen sich den Kopf über die Gründe dieses immensen Postwachstums. Geburtstag hat noch keiner, gestorben ist auch keiner, vielleicht ist jemand schwer erkrankt ? Frau W. allerdings sieht, um es mal vorsichtig auszudrücken, wohlgenährt aus. Mann, Kind und vor allem der Kater scheinen auch nicht gerade an irgendeiner Notlage zu leiden. Hmmm.
Die Koordinatorin auf der Poststelle überlegt gerade, ob sie das Gebiet einem jüngeren Kollegen zuweist oder zumindest die Route ändert, so dass Frau W. ´s Postflut schon am Anfang  abgeworfen wird, als die Lösung naht.
Endlich, am achten Tag (zum Glück waren am Tag vorher nur noch sechs Umschläge im Briefkasten), sieht Frau W., vorsichtig hinter dem Vorhang des Küchenfensters hervorlugend, wie sich die Nachbarin - rein zufällig natürlich - zu der schnaufenden Postbotin gesellt. Die Nachbarin hatte schon vorher eine Stunde lang im Hof gekehrt, der nun garantiert sauberer ist als in den letzten fünfzehn Jahren, dabei immer wieder über die Mauer gepeilt und sich zwanzig Mal überlegt hat, dass diese ja eigentlich viel zu hoch ist, um wirklich am Nachbarschaftsleben teil zu haben.
Ein kleines Schwätzchen mit der Postbotin über das Wetter, die Guttenberg-Affäre und die armen Menschen in Japan erlaubt der Nachbarin bein Einwurf einen Blick auf einen der Umschläge, bei dem sie die Worte "Karten für Japan"  entziffert. Sichtlich geht ihr ein ganzer Kronleuchter auf. Sie weiß zwar nicht, was das so ganz genau zu bedeuten hat (ohne Zweifel wird sie aber Faru W. selbst oder deren Schwiegermutter in den nächsten Tagen in ein Gespräch verwickeln und es herausfinden),  aber eines ist klar: Frau W. leidet an einem ihrer Anfälle von Philantropie (philantropia beneficium), die sie immer mal wieder dazu bringt, verhungerte Katzen von der Straße aufzusammmeln oder irgendwelche Aktionen zu starten.
Das ist zwar an sich keine sehr gefährliche Krankheit, aber an der bedauernswerten Postbotin, die an Schnappatmung und erhöhtem Puls leidend in der Dienststelle ankommt, sieht man, dass eine Krankheit auch ohne Ansteckung gefährlich werden kann.
Vielleicht sollte Frau W. daran mal denken, bevor sie es das nächste Mal gut meint !
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9 comments:

  1. Du kannst mich doch nicht schon am frühen Morgen zum Schnaufen bringen! Schnaufen und Japsen vor Lachen! :-)
    Herrlich, liebe Iris!

    LG Ina

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  2. es kann der Nachbar nicht in Ruhe... ;o), die arme Postbotin, gib doch Name und Dienststellenanschrift weiter und besagte Dame kriegt Danksagungen ;o)

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  3. Herrlich! Heeeerrrrrlich!!! Hach, Iris du kannst so wunderbar schreiben! Ich hatte vor Lachen Tränen in den Augen!! Die arme Postbotin! Ich schicke ihr auch gerne eine Danksagungskarte! ;-)

    Liebe Grüße,
    die Birgit

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  4. hahaha ich musste herzlichst lachen! Sehr sehr schöne Geschichte :D
    Ich hoffe, meine Karte kam heute noch an.

    LG
    Tine

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  5. *lach* und vom boden wieder aufrappel! Klasse Geschichte!LG nicky

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  6. Guten Morgen Iris,

    wunderbar geschrieben. Ja, die Aktion ist leider zum Nachteil der Postbotin.... vielleicht greifst du wirklich den Gedanken von Sally auf...
    LG
    Zinzia

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  7. Eine wunderbare Geschichte.... Geschichte? ;-)
    Damit die Postbotin nicht noch mehr zu schleppen hat, sage ich auf diesem Wege

    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH
    zum
    Geburtstag!

    Alles Liebe!
    Steffie

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  8. OH JE! Da hilft wohl nur eine große Packung MERCI - oder??? Danke für diese bildhafte Darstellu7ng! Das versüsst mir den Montag!

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  9. Köstlich!!! Wir könnten Dir ja auch jeder ein kleines Geschenkchen für die Botin schicken. Oder lieber doch nicht, dann hat sie ja wieder zu schleppen.....
    Liebe Grüße von Manuela

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