Sunday, November 1, 2009

Messen sind was für Masochisten oder: Die Kreativ-Welt aus einem etwas anderen Blickwinkel

Eigentlich sollte man denken, es wäre ein Genuss: Sich die Papiere, Stempelchen, Embellies und Gerätschaften (etc.etc.) mal ansehen, bevor man sie kauft. Oder sie einfach mal zu streicheln, selbst wenn man sie nicht kauft. Sich mit anderen zu treffen, zu schnacken, Impressionen zu sammeln, Inspiration in sich aufzusaugen. Es wäre auch ein Genuss - ohne Zweifel !
Wenn, ja wenn ...
Man nicht eine Dreiviertelstunde vor der Öffnungszeit schon ewig anstehen muss, um überhaupt in die NÄHE eines Parkhauses zu kommen. Hat man dieses glücklich erreicht, eilt man, leicht bekleidet (wer schon mal auf einer Messe war, weiß warum), durch den kalten Herbstmorgen zur Messehalle, die nur knapp hundertfünfizg Meter entfernt ist - leider muss man dabei vier Ampeln überqueren, was den Weg wesentlich länger erscheinen lässt.
An der Eingangshalle angekommen findet man diese  schon wohlgefüllt (oder besser gesagt proppenvoll) vor - das einzige, was man suchen muss, sind die drei (DREI!!!) Kassen, an denen diese hunderte von Kreativwütigen abgefertigt werden sollen.


Alle, die nach ewigem Beine-in-den-Bauch-stehen eine Karte ergattert haben, müssen sich durch die Masse der Nachrückenden drängeln. Dabei zeigt sich wieder, dass offensichtlich einige in Physik nicht aufgepasst haben, denn aus Angst, dass sich vielleicht auch nur eine Person vor einen schieben könnte, wird den Kartenbesitzern kein Raum zur "Flucht" gegeben. Ergo: es dauerte noch länger, das Gedränge wurde immer schlimmer und so manch einer setzte sein Körpergewicht mit Schwung ein, um etwas Boden zu gewinnen.
Wenn man endlich glücklich im Besitz einer Karte ist, macht man mehrfach Leute darauf aufmerksam, dass sie nur nach vorne kommen, wenn man selbst nach hinten gelassen wird (= Prinzip von Druck und Verdrängung), ohne allerdings nachhaltigen Eindruck zu erzielen.

Schließlich aber hat man sich mehr oder weiniger derangiert zum Eingang durchgeschlagen und betritt das "Allerheiligste".
Ich will nicht verhehlen: Ich wurde inspiriert. Ich habe eingekauft. Ich habe nette Leute (Sandra und Yvonne und manch andere) getroffen. Andere, auf die ich gehofft habe, habe ich leider nicht getroffen. Ich habe gewühlt, gestaunt, Schnäppchen gemacht, mich in eine kleine Nähmaschine verguckt und vermutlich nicht einmal die Hälfte von allem gesehen. Ich bereue nichts.

Trotzdem muss man objektiv sagen: Wer auf eine Messe geht, ist verrückt . Oder Masochist. Davon scheint es mehr zu geben, als ich  dachte.
Es ist eng. Es ist heiß. Zwnazigtausendmal pro Minute steigt Dir jemand auf den Fuß, an fast jeder Kasse versucht jemand sich vor Dich zu schieben oder drängt sich mit einem geflöteten "Ich habe nur eine kurze Frage..." in einen interessanten Austausch über verschiedene Techniken mit einer Verkäuferin, um diese dann zehn Minuten festzunageln. Du suchst in der unorganisierten Verteilung der Stände die Scrapbookshops zwischen den ganzen Perlen- und Schmuckshops, um erst dann den genialsten zu finden, wenn Dein Budget verbraucht ist.
Wenn Du dann, ermüdet und erhitzt, in eines der Restaurants gehst, Dich glücklich mit einem kalten Getränk und einem warmen Snack eingedeckt auf die Suche nach einem Plätzchen an einem der vollbesetzten Tische umschaust, drängeln sich Leutchen, die Ihr Essen noch überhaupt nicht haben, an Dir vorbei und belagern die letzten Stühle mit Jacken und Taschen, während Dein Essen kalt und Deine Cola warm wird.
Aber egal - was tut man nicht alles für seine Sucht ?

Leider gibt es auch mehr Sadisten, als ich bisher dachte. Hier eine kleine Rangliste:
#3: An drittschlimmsten sind die Leute, die ihre schicken Trolleys hinter sich herziehen. Ohne Zweifel eine bequeme Lösung, man muss keine Taschen tragen, nichts geht kaputt. Aber für die anderen Besucher sind die Dinger die reinsten Stolperfallen (besonders, wenn Du denkst, neben Dir steht niemand und erleichtert einen klitzkleinen Schritt machen willst) und werden noch dazu gerne als Rammböcke genutzt, um einen versperrten Weg freizubekommen. In den ohnehin engen Ständen blockieren sie das bischen "Bewegungsfreiheit", das man hat. Absolut indiskutabel - außer für die Besitzer.
#2: Noch schlimmer: Leute, die nicht ihre Trolleys, sondern ihre Kinder mitschleifen. Die armen Würstchen bekommen eingebleut, ja nicht die Mama zu verlieren - eine Mission, die von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Sie gucken die ganze Zeit auf mehr oder weniger ausladende Hinterteile von Erwachsenen, werden gnadenlos herumgeschoben und dann noch angemotzt, weil sie nicht bei Mama geblieben sind. Der Protest, dass jemand sie weggeschubst hat, verhallt ungehört.
WENN ich Nico jemals  zu einer derartigen Veranstaltung mitnehmen SOLLTE, wird er mit einem Periskop (zum überdieleutedrübergucken), einer hohen Fahne (damit ich ihn finde), einem Funkgerät und Chinakrachern (zum Weg-freisprengen) ausgerüstet.
Eine Kombination aus #3 und #2 sind die Leute, die ihre Kinder im Kinderwagen mitnehmen. Diesen Kindern geht es zunächst nicht gar so schlecht, bis sie und ihr Wagen als Lastwagen und Rammbock (=Trolley) missbraucht werden.
#1: Das allerschlimmste: Ich frage mich wirklich, was sich Leute dabei denken, die ihre Hunde mit auf eine Messe nehmen. Allerdings frage ich mich auch, warum das überhaupt erlaubt ist. Was muss so ein armer kleiner Handtaschenwauwau wohl ausstehen, wenn er in Brusthöhe durch die Gegend geschleppt, gequetscht, taubgequasselt, atem- und völlig orientierungslos dahinvegetiert ?
Noch schlimmer: Hunde, die zu ihrem Leidwesen NICHT in die Handtasche bzw. das Tragetuch (!) passen.
Ich bin 175 groß und aus Überzeugung auf der Messe. Ich kann (auf Zehensptzen) die Menschenmenge halbwegs überblicken und atme die zumindest im Verhältnis "gute" Luft ein. Es ist meine Entscheidung, dass ich vollkommen erschöpft und kopfwehgeplagt nach Hause komme - und dabei auch noch glücklich bin.
Wenn  ich mir allerdings vorstelle, wie ich mich mit einer Schulterhöhe von sechzig Zentimetern fühle, mit empfindlicher Nase, empfindlichen Pfoten, noch emfindlicheren Ohren und keiner Ahnung, warum ich stundenlang am Halsband durch tausende und abertausende von schiebenden, drängelnden und tretenden  Beinen gezerrt werde, ohne eine Möglichkeit, Veto einzulegen und  mitzuteilen, dass meine Kanäle wegen Rezüberflutung überlastet sind - also ich würde BEISSEN !
Irgendein saftiger, jeansbekleideter Unterschenkel käme mir gerade recht, um meine Hilflosigkeit und aufgestaute Frustration kundzutun. Dann würde ich möglicherweise eingeschläfert werden, aber dies im fröhlichen Bewusstsein, dass ich NIE WIEDER auf eine Messe muss.
Als Tierarzt würde ich eher dazu tendieren, dem Herrchen bzw. Frauchen des armen Tieres eine Euthanasie zu verpassen.

Da ich aber (wie schon erwähnt) aus freien Stücken auf die Kreativ-Welt nach Wiesbaden gefahren bin, weder Hund, Kind oder Trolley bin, viel geschaut, fast nicht fotografiert, ein bischen geshopt  und überhaupt ziemlich viel Spaß habe kann ich nur sagen: Ich werd´s wieder tun ! *g*

Zwei kleine Fotos habe ich noch für Euch:
An diesem Stand habe ich wunderschöne Spitzenbänder erstanden:


Am Stand vom Scrapbook-Center habe ich mich nicht nur mit Perfect Pearls eingedeckt, sondern auch diesen süßen Adventskalender endeckt:



Jetzt gehe ich mal in mein Scrapstüchen, verstaue meine neuen Schätzchen (was immer schwieriger wird) und beende meinen Eintrag in Dorrits CJ, das ich morgen zu Lena schicken werde. Bei Lena findet Ihr auch mehr Impressionen von der Kreativ-Welt !
Einen schönen Sonntag noch !
Pin It

9 comments:

  1. Liebe iris,

    ich habe gerade mit einem Schmunzeln deinen Bericht gelesen, das hast du so treffend beschrieben, ich kann das alles nur bestätigen. Bis auf die Parkplatzsuche, denn wir waren schon am Abend vorher da und haben mit dem WOMo direkt vor der Halle gestanden. Aber ansonsten ist dein Bericht wundervoll.


    LG Erika

    ReplyDelete
  2. Genau DAS habe ich die letzten Jahre auf der Kreativa erlebt...und weißt du was? Heute, am letzten Tag (ich hatte schon Angst, ich finde nix mehr, weil alles schon weg ist - ich aber bloß heute konnte) war es total entspannend, man konnte sich bewegen, in Ruhe schauen und gefunden habe ich auch noch genug :-)
    Übrigens: schöne Sachen machst du, dein Blog gefällt mir.

    Britta

    ReplyDelete
  3. Wow, welch zutreffender Bericht :o) Ich war ja bereits am Donnerstag gut, das ist vielleicht ein Vorteil, unter der Woche zu fahren. Allerdings habe ich mir auch schon an diesem Tag die gleichen Fragen wie Du gestellt... Ich habe auch viele kleine und quengelige Kinder gesehen und Hunde, die sich durch die Massen wühlen mussten :o( Aber: Ich würde auch wieder hinfahren *g*

    ReplyDelete
  4. Klasse geschrieben. Ich war zwar bisher nur auf einer Messe (Creativa in Friedrichshafen), aber das ist schon laaaaaange her. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie es Dir bzw den armen von Dir beschriebenen Würstchen ergangen ist. Du hast einen tollen Schreibstil...
    Und Deine Workshops und Inspirationen sind sowieso immer der Hammer! Ich gucke gerne auf Deinem Blog rum....
    Gerade sitze ich an Deinem Weihnachtsbuch...habe gerade alle Vorlagen ausgedruckt...:o)

    Liebe Grüße
    Manu(miss marple)

    ReplyDelete
  5. Sehr genial! Ich währe auch gerne da gewesen... Aber ich hätte auch keinen Platz für was neues.... Viel Spaß mit deinen neuen Sachen!!! Und lass uns an den Ergebnissen teil haben!
    LG Nanany

    ReplyDelete
  6. Ach wie treffend ausgedrückt - ich bin ein bekennender Dortmunder Creativa Fan - stehe schon 1 Stunde vorher auf dem Parkplatz um mir lange Wege am Ende des Tages zu sparen - habe im Vorverkauf meine Karte erstanden - und kann so relativ relaxt den Tag beginnen - aber es ist wirklich schlimm - was uns "normale" Besucher in Form von Rucksäcken, Trolleys und Kinderwagen alles in die Seite gerammt wird - und was den Platz im Scrapraum anbetrifft - den haben wir doch schon lange nicht mehr - oder? Freu mich auf weitere Einträge - liebe Grüße Conny

    ReplyDelete
  7. Ich musste grade richtig schmunzeln als ich deinen Bericht las. Genauso und nicht anders läuft es auch auf dem Stempelmekka ab.

    ReplyDelete
  8. Jaaa jaaa jaaa kenn ich, ach herrlich...genau soooo ist es und trotzdem freu ich mich Lutscher jetzt auf die Messe in Stuttgart...ich werds gleich mal meinen "Mitstreiterinnen" schicken damit sie auch schon Vorfreude entwickeln können...und ich glaub ich sollt mal in den Keller stiefeln und unseren Trolley holen....Vielleicht mach ich heuer mal einen auf Nummer #3 und hab auch eindlich mal Bewegungsfreiheit an einem Stand ;O)
    Daaaaaaaanke schön *lach*

    ReplyDelete
  9. Huhu,
    es ist genau wie Du`s bechreibst, aus diesem Grunde hab ich beschlossen nicht auf die Messe in Stuttgart zu gehen... da stöber ich lieber entspannt in den Webshops....faule Grüsse Myriam

    ReplyDelete